Uhlandstraße
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Uhlandstraße
Max Munsters Bochumer Geschichte beginnt mit einer Versetzung – und mit einem Vorgang, dessen Bedeutung erst durch genaue Ermittlungsarbeit sichtbar wird.
Veröffentlicht: 31.07.2026
Kapitel 1 – Der Bescheid
Der Brief lag seit zwölf Minuten auf dem Tisch.
Nicht ungefähr. Nicht gefühlt. Zwölf Minuten.
Behörde, Aktenzeichen, Datum, der ganze amtliche Apparat in jener Sprache, die so tat, als entstünden Entscheidungen nicht aus Menschen, sondern aus Formularen. Max saß am kleinen Esstisch seines Apartments in Köln und sah auf das Papier, als müsste die Stadt, in die man ihn schickte, sich ändern, wenn er den Blick nur lange genug darauf hielt.
Da stand es. Nüchtern. Ohne Drama.
Er zog den Brief ein Stück näher heran, obwohl er jedes Wort bereits kannte. Nicht nur inhaltlich. Wörtlich. Zeile für Zeile, Einrückung für Einrückung, die leicht verschobene Oberkante des Briefkopfes, den kleinen grauen Punkt neben der Zeile „mit Wirkung zum 01.08.“ Er las noch einmal.
Versetzung zum Polizeipräsidium Bochum. Verwendung: Kriminaldauerdienst. Dienstantritt: Montag, 06:30 Uhr.
Der Gedanke hätte größer sein müssen. Wärmer. Er hatte zu lange darauf hingearbeitet, damit er sich jetzt nur wie ein sauber formulierter Faustschlag in die Magengrube anfühlte.
Max lehnte sich zurück. Der Stuhl knirschte an genau der Stelle, an der er immer knirschte, weil die linke hintere Schraube nie ganz fest saß. Er mochte das Geräusch nicht.
Nicht, weil er unruhig war. Weil Sitzen plötzlich zu viel Nähe zu dem Wort auf dem Papier erzeugte.
Das Apartment war klein genug, dass man es mit einem Blick erfassen konnte, abgesehen vom Bad. Ein langer Raum, halb Küche, halb Wohnbereich, dazu die Schlafnische mit dem schmalen Bett, das exakt neun Zentimeter zu weit in den Durchgang ragte. Bücherregal.
Köln hatte nie etwas von Heimat für Max gehabt. Das war einer ihrer Vorteile gewesen. Hier hatte ihn niemand gekannt, bevor er Uniform trug.
Er trat ans Fenster, zog die Gardine zwei Finger breit beiseite und sah in den Hof. Unten zog jemand Mülltonnen über Pflaster.
Metall auf Stein.
Sein Kopf legte beides nebeneinander und weigerte sich hartnäckig, daraus ein sauberes Bild zu machen.
Er ging zurück zum Tisch, nahm den Brief, legte ihn exakt an die Kante des Holzes, als könne Präzision eine Form von Beruhigung sein, und griff nach seinem Handy. Er hielt einen Moment inne, bevor er auf „Mama“ tippte.
Nicht, weil er zögerte, ob er anrufen sollte, sondern weil er schon wusste, was kommen würde. Seine Mutter würde sich freuen. Zu sehr. Zu laut. Nicht falsch, nur in einer Lautstärke, die seine eigene Ambivalenz sofort klein aussehen lassen würde. Sein Vater würde später im Hintergrund etwas Praktisches fragen. Wann, wie lange, ob er schon wisse, wo er unterkomme. Seine Mutter würde wahrscheinlich „Ach, wie schön“ sagen, noch bevor sie ganz verstanden hatte, worum es eigentlich ging.
Das Freizeichen kam zweimal. Dann war sie dran.
„Maxi?“
Er schloss kurz die Augen. Seine Mutter war der einzige Mensch auf der Welt, der ihn so nannte, ohne dass er etwas dagegen sagte. Nicht, weil er den Namen mochte.
„Ist was passiert?“
Es war immer dieselbe erste Frage. Nicht panisch.
Sofort praktisch alarmiert.
„Nein. Alles gut.“ Man hörte ein Ausatmen. Dann das typische Rascheln in ihrer Küche. Schranktür. Teller. Vielleicht die Besteckschublade. Seine Mutter telefonierte selten im Sitzen. „Ich war gerade beim Salat. Du klingst komisch. Alles okay?“
Max sah auf den Brief. Das Wort Bochum stand da, schwarz auf weiß, und fühlte sich trotzdem noch unwirklich an.
„Ich habe den Bescheid bekommen.“
„Welchen Bescheid?“
Noch bevor er den Satz zu Ende gebracht hatte, veränderte sich ihre Atmung. Die Freude seiner Mutter war zu hören, noch bevor sie Worte bekam. Ein Einziehen von Luft, das größer war als nötig, weil sie aus guten Nachrichten immer einen kleinen Feiertag machte.
„Max!“
Er zog das Handy ein Stück vom Ohr weg und hielt es trotzdem fest.
„Ich hab’s mir fast gedacht“, sagte sie, obwohl sie es mit Sicherheit nicht geahnt hatte. „Und? Wohin? Kommst du zur Kripo?“
Dann ein halbes Lachen. Etwas, das bei seiner Mutter fast dasselbe war wie Weinen, nur heller. „Siehst du“, sagte sie sofort, als hätte jemand gegen ihn gewettet. „Ich hab’s doch gesagt. Ach, Max. Endlich. Ich freu mich so.“
Max setzte sich wieder. Der Stuhl knirschte. Er ignorierte es.
„Mehr hast du nicht zu sagen? Max, das ist doch wunderbar.“ „Ja“, sagte er noch einmal, diesmal präziser. „Es ist gut.“
„Es ist mehr als gut.“
Seine Mutter schwieg auch. Nicht lang. Nur lang genug, um zu merken, dass der Satz nicht komplett war.
„Wohin?“, fragte sie dann, jetzt vorsichtiger. „Zu welcher Kripo?“
Max sah wieder auf den Brief. Er hätte das Wort nicht lesen müssen.
„Bochum.“
Das Schweigen am anderen Ende war diesmal länger. Nicht vor Schreck. Eher, weil Freude und zweite Information sich kurz ineinander verkeilten.
Dann kam sie doch. Größer als zuvor.
„Bochum?“
„Bochum.“ Jetzt sagte sie das Wort anders. Nicht prüfend.
Warm. „Dann bist du ja wieder hier.“
Als hätte er nur kurz ein anderes Zimmer ausprobiert und käme nun dorthin zurück, wo alles hingehörte.
Er hörte, wie sie sich setzte. Stuhl auf Fliesen. Eine Tasse wurde abgestellt.
„Ist das denn jetzt sicher?“, fragte sie. „Es ist ein Bescheid, Mama.“
„Ja, natürlich ist es ein Bescheid. Ich meine nur—“
Sie fing sich. „Wann musst du anfangen?“
„Montag. In zwei Wochen.“
„In zwei Wochen schon?“
„Dann kommst du wirklich zurück.“
Er sagte nichts. Es war nicht nötig. Sie hörte die Wahrheit auch so: dass „zurück“ für ihn anders klang als für sie.
„Zur Kripo“, sagte sie noch einmal, diesmal mit diesem stolzen Unterton, den sie nie ganz verbergen konnte. „Mensch, Max. Das ist doch das, was du wolltest.“
„Dann freu dich doch.“
Es war kein Vorwurf. Nur ein Satz, der zu schnell in die richtige Richtung wollte. Max strich mit dem Daumen über die Kante des Briefes.
„Ich freue mich“, sagte er schließlich.
Seine Mutter war still genug, um zu zeigen, dass sie die Formulierung hörte und ihre Grenzen verstand.
„Aber?“
Max hätte viele Dinge sagen können. Dass Bochum in ihm nie neutral geworden war. Dass manche Straßen dort nicht einfach Straßen waren, sondern Gedächtnisschichten.
Stattdessen sagte er nur: „Es musste nicht unbedingt Bochum sein.“
Seine Mutter atmete aus. Nicht enttäuscht. Sanft.
„Nein“, sagte sie. „Musste es vielleicht nicht.“
Im Hintergrund hörte man wieder seinen Vater.
Diesmal deutlicher. „Ist er’s?“, fragte er. Dann, lauter: „Was ist denn jetzt?“
„Moment“, sagte seine Mutter ins Telefon, halb zu Max, halb in den Raum. Dann weg vom Hörer: „Er kommt zur Kripo. Nach Bochum.“
Es folgte eine kleine Pause, in der man seinen Vater wahrscheinlich erst aus dem Gesicht lesen konnte, bevor er etwas sagte. Dann kam seine Stimme näher.
Das Rascheln des Telefons, ein kurzes dumpfes Schleifen, dann war sein Vater dran.
„Kripo?“
Das war sein Vater. Ein Wort, in dem sowohl Anerkennung als auch die Entscheidung lag, dass man die Sache nicht mit unnötigem Pathos beschädigen musste.
„Bochum“, fügte Max hinzu.
„Ist das KDD?“
Max blinzelte kurz. Sein Vater vergaß wenig, aber noch weniger sagte er zufällig. Dass Max zur Kripo wollte, wusste er längst; offenbar kannte er auch die Schiene, auf der solche Versetzungen oft anfingen.
„Dann lernst du was.“
Max musste beinahe lächeln. Nicht weil der Satz besonders warm gewesen wäre. Sondern weil in dieser trockenen Art seines Vaters eine Zuneigung lag, die man kennen musste, um sie nicht zu verpassen.
„Davon gehe ich aus.“
„Wann fängst du an?“
„Montag in zwei Wochen.“
„Wohnung?“
„Dann kommst du erst mal nach Hause.“
Der Satz stand im Raum zwischen ihnen wie eine saubere, praktische Wahrheit, die alles Emotionale kurz beiseiteschob. Max sah auf seine eigene Wohnung. Den Tisch.
Sein Vater schwieg kurz. Dann sagte er, mit jener knappen Sachlichkeit, in der bei ihm meistens die eigentliche Rücksicht steckte: „Musst du nicht mögen. Ist trotzdem am einfachsten.“
Max sah zum Fenster. Im Hof ging unten gerade das Licht im Erdgeschoss an. Drei Sekunden später zog links oben der Mann mit dem Hemd die Gardine zu.
19:24.
„Ja“, sagte Max. „Ich weiß.“
„Deine Mutter freut sich.“
„Das habe ich gemerkt.“
Zum ersten Mal hörte Max das trockene Schnauben, das bei seinem Vater Lachen ersetzen konnte.
„Sie freut sich seit Jahren auf alles, was dich näher an Bochum bringt.“
„Sie meint’s nicht falsch.“
„Das hab ich auch nicht gesagt.“
Noch ein kurzes Schweigen. Kein unangenehmes. Eher eins, in dem zwei Männer standen, die beide wussten, dass über bestimmte Dinge nicht unbedingt mehr gesagt werden musste, solange der andere verstand, dass sie existierten.
Dann sagte sein Vater: „Komm am Wochenende rüber. Dann gucken wir, wie wir den Rest geregelt kriegen.“
„Und Max?“
„Ja?“
„Kripo ist gut. Der Rest ist erst mal nur die Stadt.“
Max hielt den Blick auf den Brief gerichtet. Bochum. Die Stadt. „Mehr musst du gerade nicht glauben“, sagte sein Vater. Dann gab er das Telefon zurück.
Seine Mutter war sofort wieder da, heller, wärmer, ein bisschen zu nah an all dem, was Max gerade mühsam in sachliche Stücke zerlegte.
„Du kommst am Wochenende, ja?“
„Ja.“
„Gut. Dann beziehen wir das Zimmer wieder ordentlich.“ Max schloss kurz die Augen.
„Was denn?“
„Bitte nicht so sagen.“
Eine kurze Pause. Dann, erstaunlich sanft: „Entschuldigung.“ Er nickte, obwohl sie es nicht sehen konnte.
„Ich mein nur, dass du natürlich Platz hast. Solange, bis du was Eigenes findest.“
„Und Max?“
Da war er wieder, dieser kleine Riss zwischen ihrer Freude und ihrer Vorsicht.
„Ja?“
„Ich freue mich wirklich. Nicht nur, weil du dann näher bist. Sondern weil du das wolltest. Die Kripo.“
Diesmal ließ er den Satz stehen. Er musste nicht widersprechen. Er musste ihn auch nicht größer machen, als er in ihm gerade war.
„Ja“, sagte er. „Das wollte ich.“
Als er auflegte, war es in dem Apartment für einen Moment stiller als vorher. Nicht wirklich leise. Der Kühlschrank summte.
Max legte das Handy neben den Bescheid und stand wieder auf. Diesmal ging er nicht ans Fenster. Er ging zum Regal, zog den untersten Karton halb hervor und nahm die Tanzschuhe heraus.
Er setzte sich auf das Bett.
Er legte die Schuhe neben sich und las den Bescheid ein drittes Mal. Nicht aus Unsicherheit. Aus dem Versuch, den Gedanken an Bochum durch die saubere Logik des Papiers zu zähmen.
Menschen taten das seltener.
Max nahm den Brief, faltete ihn exakt entlang der vorhandenen Kanten und schob ihn zurück in den Umschlag. Dann stand er auf, ging zum Schreibtisch, zog die unterste Schublade auf und legte ihn in die Mappe mit seinen Dienstunterlagen. Ganz oben.
Als er die Schublade wieder schloss, blieb sein Blick an dem Spiegel über dem Schreibtisch hängen.
Nicht lang. Er vermied Spiegel nicht. Aber er brauchte sie selten.
Ein Mann sah ihn an, der jünger wirkte, wenn er angespannt war. Dunkles Shirt. Kurze, kontrollierte Haltung.
Er sah aus wie jemand, der endlich dort angekommen war, wo er fachlich hinwollte.
Und wie jemand, der den Preis dafür noch nicht ganz begriffen hatte.
Draußen fuhr im Hof ein Auto vor. Türschlagen. Stimmen.
Wenn Bochum ihn wiederhaben wollte, dann würde es ihn wenigstens nicht in demselben Zustand zurückbekommen, in dem es ihn einmal gekannt hatte.
Er sah auf die Schuhe, auf die Schlüssel, auf die blanke Tischfläche dazwischen.
Dann fügte er hinzu, ohne Ironie, ohne Trost, nur als nüchterne Bestandsaufnahme:
„Bochum sehen wir dann.“
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Die Leseprobe endet nach dem ersten Kapitel. Auf der Buchseite findest du Inhaltsinformationen, Bezugswege und weitere Hintergründe.